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Poschta, eine Marke aus Dresden


Wir nennen sie "Potschta"
- die Eintagsfliege der deutschen Philatelie -

Natürlich ist die Schreibweise Potschta falsch, richtig ist "Poschta". Aber da der Michel-Katalog die Nr. 41 der sowjetischen Zone so schreibt, bleibe ich auch dabei.

Die Daten der folgenden Abhandlung erlese ich als Auszug aus einer Aufzeichnung des damaligen Dresdener Postamtmannes Schneider`, der gemeinsam mit dem Entwerfer der Briefmarke, Herr Cheznnitz (Postamtmann in Lomatzsch) die Arbeiten zur Herausgabe dieses Postwertzeichen koordinierte. Gewiss haben noch weitere Herren an die Entstehung dieser Briefmarke mitgewirkt, aber dann müsste ich die ganze damalige Nomenklatura der Post in Dresden hier aufführen und das hat an dieser Stelle wenig Nährwert,

Am ?. Mai 1945 eroberten sowjetische Truppen die Stadt Dresden und ihre Umgebung. Während die Stadt Dresden ein Trümmerhaufen war (Uncle Sam und John Bull hatten die Befreiung schon etwas vorbereitet), war die Umgebung der Stadt relativ wenig zerstört. Am 15. Mai erhielt PA Schneider vom Rat der Stadt die Genehmigung zur Aufnahme eines auf Dresden und den Vororten beschränkten Postverkehrs. Zugelassen waren nur Postkarten und Briefe bis 20 Gramm. Da keine neuen Briefmarken zur Verfügung standen sollte die Freimachung der Postsachen mittels geschwärzten Briefmarken des 3. Reiches oder durch "Gebühr Bezahlt" Stempel nachgewiesen werden. Weiter erhielt PA Schneider den Auftrag den Druck für ein dringend benötigtes Postwertzeichen vorzubereiten.

Sehr bald hatte sich PA Schneider mit den Kollegen der umliegenden Ortschaften über den Entwurf und die Drucklegung der neuen Briefmarke geeinigt. Die allgemeine Zustimmung fand der Entwurf des Postamtmannes Chemnitz vom Postamt Lomatzsch. Der Entwurf zeigte die Wertziffer "12" (das Porto für einen einfachen Brief) im Kreisr und umgeben von einen Netzuntergrund. An den Seiten eine stilisierte Blumenranke und in den vier Ecken je ein Posthörnchen. Über der Wertziffer das Wort "Post", unter der Wertziffer in kyrillischen Buchstaben "NOYTA", das russische Wort (sprich: poschta) für Post. Niemand konnte ahnen, dass ausgerechnet dieses Wort (wohl gewählt im vorauseilenden Opportunismus) dieser Briefmarke zum Verhängnis werden sollte.

Der Entwurf wurde dem 1. Bürgermeister Fischer vorgelegt und nach Rücksprache mit dem russischen Kommandanten wurde die Druckerlaubnis erteilt. Doch jetzt kam das Schwierigste. Die ansässigen Druckereien waren fast alle zerstört, kein Papier, keine Farbe und kein Leim waren vorhanden. Man fand in Dresden eine Druckerei Welzel die noch in der Lage war diese Arbeit im Rastertiefdruck auszuführen. Mit der Stadtverwaltung im Rücken konnte eine größere Partie kreidehaltiges Buchdruckpapier "sichergestellt" werden. Eine Menge Ölfarbe sowie ausreichend Leim konnte organisiert werden und man begann mit dem Druck. Als man sehen konnte, dass die Farbe unmöglich reichen würde begann man zu "knausern", die Farbe der Briefmarken wurde durch die sparsamere Farbzuführung hellrot. Als dann noch die Ölfarbe völlig ausging begann man mit einem Wasserfarbendruck. Dieses ergab zunächst eine krapprote Farbe. Da man auch bald hier sparen musste wurden die letzten Wasserfarben­Drucke in der Farbe sehr hellrot. (Sämtliche mit Wasserfarben gedruckten Briefmarken wurden nie ausgegeben, die im Umlauf befindlichen Briefmarken kamen durch Diebstahl in den Handel).

Durch die verschiedenen Farben und Farbzuführungen lassen sich unterscheiden:

1. Ölfarbendruck: (leuchtet unter der Quarzlampe rot/rosa .
a) bordeaurot, Netzunterdruck oft verschmiert.
b) hellrot, Netzunterdruck und Wertziffer scharf ausgeprägt.

2. Wasserfarbendruck: (leuchtet unter der Quarzlampe grau).
a) krapprot, Farbe oft verlaufen, Netzdruck kann verschwinden so das ein volles Mittelstück entsteht.
b) sehr hellrot, Netzunterdruck und Wertziffer scharf ausgeprägt.

Gedruckt wurden insgesamt 1.030.000 Stück. Da eine Zähnungsmaschine nicht aufzutreiben war wurden die Briefmarkenbogen ungezähnt ausgeliefert.

Am 21 Juni wurde an den Postämtern in Dresden der Verkauf von geschwärzten Briefmarken des Dritten Reiches eingestellt. Am Montag den 23. Juni begann man um 8.00 Uhr an den Schaltern des Postamtes 20 Dresden-Strehlen mit dem Verkauf der "Potschta". Zwei Postangestellte gingen aufs Rathaus und überreichten dem 1. Bürgermeister einige Exemplare und dieser wiederum legte die Briefmarken dem russischen Kommandanten vor. Auch hier zunächst Zustimmung, doch einige Stunden später kam von der russischen Administration folgender Befehl: Der Verkauf dieser Briefmarke ist sofort einzustellen, die Gültigkeit der Marke ist außer Kraft zusetzen. Der Druckstock ist unter Aufsicht unbrauchbar zu machen und die nicht verkauften Briefmarken sind zu verbrennen. (Wir wissen heute, dass die Amerikaner die russische Inschrift auf dieser Briefmarke als einen Vorgriff auf die zukünftige politische Entwicklung ansahen und dagegen protestierten). Die Kunde ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und bis der Befehl griff (etwa 8 Stunden nach Schalteröffnung) waren ca. 14.500 Briefmarken verkauft. Der Rest wurde wie befohlen unter Aufsicht verbrannt, der Druckzylinder noch am gleichem Tag abgeschliffen. Über diese Vorgänge wurde ein Protokoll erstellt.

Postamtmann Schneider schätzte die in der frankaturgültigen Zeit mit der "Potschta" frankierten und verschickten Briefe auf ca. 500 Stück. Da die am 28. Juni herausgegebenen Nachfolgemarke der "Potschta" mit der "Potschta" bis auf die jetzt fehlende russische Inschrift identisch ist, schätzt er die Anzahl der später durch Unachtsamkeit der Postbeamten noch durchgeschlüpften Briefe auf noch mal 500 Stück.

Nach dem Entwurf für die zurückgezogene "Potschta", aber jetzt ohne die russische Inschrift, wurden dann die folgenden Briefmarken (Mi-Nr. 42A - 50A) herausgegeben. Die Ausgaben waren ungezähnt, eine amtliche Zähnung (Mi-Nr. 43B und 43C) wurde bald aufgegeben. Einige Postmeister in der OPD Dresden zähnten diese Briefmarken in eigener Regie. Diese Postmeister­Zähnung sind sind sehr gesucht und werden besonders bewertet.

Der Beitrag wurde uns freundlicherweise von Günter Loffeld, Lauterbach, zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.